Meermond
Insidertipps Nordjütland

Am Abgrund entlang – Lønstrup Klint lehrt das wahre Gruseln!

Noch ein Schritt.

Ich halte die Luft an. Als würde mein Atmen oder eben Nichtatmen irgendetwas bewirken!  

Ganz vorsichtig setze ich einen Fuß vor den anderen. Ich sehe fortlaufend nach rechts und links, um das wahre Aussehen der Abbruchkante entdecken zu können. Die geschlossene Grasdecke mag den einen oder anderen in trügerischer Sicherheit wiegen, doch ich weiß es besser. Es gilt die dünnen Überhänge zu erkunden, die sich oft über dem metertiefen Abgrund bilden. Schon mehrmals habe ich das erst langsame Reißen und dann das rasche Hinabgleiten von großen Grasschollen beobachtet.

Ich taste mich vorsichtig weiter.

Das Gras versteckt die Kante. 

Die Steilküste bei Lønstrup

Seit Anfang November hat man mit verschiedenen Projekten zur Küstensicherung entlang der Nordseeküste begonnen. Etwa 7 Millionen Kronen will man dafür aufwenden, um sowohl Touristen ein abgesichertes Erlebnis bieten zu können als auch das Eigentum der Ferienhausbesitzer zu bewahren. 

Im von mir schon vorgestellten Nr. Lyngby fahren also seit kurzem Bagger am Strand, um Dänemarks erste biologische Küstensicherung vorzunehmen. Im Laufe von zwei Jahren soll mittels Terrassenbau die Abtragung an der Steilküste verringert werden.

Ich verzichte an dieser Stelle auf eine ausführliche Beschreibung dieser neuen Methode, denn hier kann man auf einem Blick sehen, wie das in der Realität umgesetzt werden soll.

Lønstrup Klint liegt zwar etwas weiter nördlich davon, aber ich bin sicher, dass auch hier demnächst Maßnahmen ergriffen werden. Zu viele Häuser Lønstrups stehen gefährlich nahe an der Abbruchkante.

Auf mich übt das einen schaurig faszinierenden Reiz aus!

Lønstrup im September 2018

Am Abgrund entlang

Lediglich dünne Drahtseile weisen die Wanderer des Hærvej darauf hin, dass man besser nicht weitergehen sollte. Richtig gruselig ist es, wenn so ein Draht weiter über 50m Tiefe gespannt bleibt! Ein Schutzdraht, der niemandem mehr Grenzen aufzeigen wird. Der sinnlos gewordene Begrenzungspfosten im Bild vermittelt eine Ahnung dessen, was noch vor wenigen Jahren sicher gewesen war:

Der einsame Pfosten spannt einen Draht über dem Nichts. 

Pro Jahr gehen bis zu fünf Meter Küste verloren! Wer von Mårup Kirke zum Leuchtturm Rubjerg Knude Fyr wandert – im Übrigen ziehe ich dies dem Weg vom neu gestalteten Parkplatz aus vor -, der muss also unbedingt selbst auf seine Schritte achten.

Der Untergrund ist ungesichert, die Grassoden gaukeln eine trügerische Festigkeit vor! Meine kleinen Kinder nehme ich da auf gar keinen Fall mit.

Leichtsinnig taste ich mich immer weiter vor. Mein Herz schlägt heftig, aber ich muss es sehen.

An der Abbruchkante.

Ich muss mir die geschnitten scharfe Lehmnadel genauer ansehen! Die netten Menschen, die mich begleiten, sind nicht wirklich von meinem Vorhaben begeistert, dringen aber nicht mehr in mein Vernunftzentrum vor.

Der gsM nähert sich nur mit Respekt.

Ich weiß, dass ich leichtsinnig bin, aber es hat mich gepackt. Ich lege mich quer zur Abbruchkante auf den Boden und halte die Luft an: 

Wahnsinn. 

Ich am Abgrund 

Mårup Kirke

Eigentlich ist dort fast nichts mehr zu sehen. Die letzten Reste der Kirche südlich von Lønstrup wurden bereits 2015 abgebaut und auch vom zugehörigen Friedhof ist fast nichts mehr da. Wer das dort berühmteste Fotomotiv vor die Kamera holen möchte (hier noch eine Aufnahme bei Wikipedia), wird enttäuscht sein.

Einsam thront der riesige Anker vor dem unbarmherzigen Nichts, das innerhalb der letzten 100 Jahre 300m vorgerückt ist.

Er stammt von der englischen Fregatte „The Crescent“, die im Dezember 1808 vor der Küste bei Mårup Schiffsbruch erlitten hat. 226 Seemänner verloren damals ihr Leben. 

Ob ihm wohl das gleiche Schicksal droht wie vielen, auf dem Friedhof Begrabenen?

Wie ich aus Gesprächen mit Dänen erfahren habe, dürfen die Hinterbliebenen mitbestimmen, was mit den Gräbern und den Toten geschehen soll. Manche werden in die neue Kirche von Lønstrup umgesiedelt. Andere werden dem Meer überlassen. Beim Anker stapeln sich die alten Grabsteine und erinnern an die Verstorbenen. 

Als ich gestern dort war, sah ich einen Hüftknochen aus dem Lehm der Steilküste ragen. Ob es einer von den beim Schiffsunglück umgekommenen Seemännern war?  

Einst konnte man zwischen den liebevoll eingezäunten Gräbern gehen.  

Wer auch immer es einst war – ich hoffe, er oder sie findet seine endgültige Ruhe.   




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18 Kommentare

  • Antworten
    freiedenkerin
    15. November 2018 at 18:01

    Da warst du ganz schön leichtfertig. Aber ich denke, für diesen Blick nach unten und gute Fotos hätte ich das Gleiche getan. 😉
    Das Wandern dieser Steilküste ist ja eigentlich nun mal der Lauf der Natur, sie wandelt sich beständig. Dennoch tun mir die AnwohnerInnen leid, die damit rechnen müssen, in absehbarer Zeit ihre Häuser zu verlieren.
    Ich stelle mir das ganz schön gruselig vor, wenn plötzlich vor einem ein menschlicher Hüftknochen aus dem Sand ragt…
    Herzliche Grüße!

  • Antworten
    Christine Heinkrn
    15. November 2018 at 5:28

    Gruselig…warum unternimmt die Dänische Regierung nichts dagegen, dass dort Knochenteile von Verstorbenen liegen? Warum wird die Kante nicht gesichert? Mag ja typisch Deutsch von mir sein, aber diese Gedanken kamen mir sofort. Trotzdem bin ich wieder fasziniert von der Ursprünglichkeit dieser Landschaft und es kommen mir Erinnerungen an einen früheren Besuch in den Kopf und ich spüre förmlich diese schöne Luft dort und höre das Meer rauschen. Es gibt ein Foto von uns, wie wir dort an dem Anker stehen.Wie es sich doch dort inzwischen alles verändert hat…

    • Antworten
      Meermond
      15. November 2018 at 12:04

      Das Problem ist, dass das ganze Gebiet unter Schutz gestellt ist. Es ist nicht erlaubt, dort irgendwelche baulichen Veränderungen vorzunehmen. Man birgt also mit Pietät und bestattet dann wieder. Wenn man etwas bergen kann. Denn das ist das größere Problem. Das ganze Areal ist instabil und die Natur gewaltig…
      Die Veränderungen gehen so schnell voran, dass ich schon Unterschiede von zwei Monaten – so oft muss ich da nämlich auch wieder nicht hin 😉 – erkennen kann.

      • Antworten
        Christine Heinkrn
        15. November 2018 at 20:14

        Aber kann man nicht wenigstens die Menschen bzw. Kinder davon abhalten, dort in Gefahr zu geraten? Durch Absperrungen?

  • Antworten
    Silke
    14. November 2018 at 18:48

    Liebe Marion,
    das nenn ich auf der einen Seite leichtsinnig und auf der andern Respekt. Ich würde mich garnicht so dicht rantrauen, habe Höhenangst. Da langen schon die steilen Treppen in Nr Lyngby. Trotzdem oder gerade deswegen liebe ich diese Gegend.
    Vi ses i danmark!
    LG Silke

    • Antworten
      Meermond
      15. November 2018 at 12:04

      Die Treppen geh ich nicht. No way. Das ist mir zu gruselig. 🙂

      • Antworten
        Silke
        15. November 2018 at 14:19

        Wenn Göga beim runtergehen vor mir ist und beim rauf hinter mir, dann geht’s. Alleine, kein Stück. Wobei raufgehen für mit schlimmer ist als runter. Da habe ich immer das Gefühl ich falle rückwärts runter.

  • Antworten
    Ewald Sindt
    14. November 2018 at 18:02

    Ich liebe ja die Nordseeküste von DK bei Sondervig, was ich aber nie verstehen werde, sind Touris, denen es völlig egal ist wo sie die Dünen überqueren. Es gibt die Überwege, muss man denn andere Wege nehmen und auch noch die Dünen runterrutschen.
    Das Wind und Wellen der Küste zusetzen ist klar, aber muss der Mensch das noch forcieren? Ich finde Küstenschutz gut und hoffe das er von Erfolg gekrönt ist. Leider wird ja gegen Dünenrutscher nichts unternommen.
    Lieben Gruß, Ewald

    • Antworten
      Meermond
      15. November 2018 at 12:06

      Was will man gegen Esel unternehmen? Sie gibt es in jedem Land der Welt und niemand hat so viele Polizeibeamte, um die alle an die Leine zu legen. 😉

  • Antworten
    Stella, oh, Stella
    14. November 2018 at 17:38

    Ich stimme dir bei, Wahnsinn! Sowas schaue ich mir lieber von unten an, und auch das in behörigem Abstand. Du bekommst mich nicht dichter als 2 m an die Kante, und selbst das kann an einige Stellen schon zu dicht sein. Nee, du, mit mir nicht! 😀
    Ich habe übrigens nur eine Nachricht bekommen. Ich kann zwei von deinen Bildern nicht sehen, die sind mit dicken schwarzen und weissen Streifen überzogen. ich werde mal raus- und wieder reingehen …

    • Antworten
      Stella, oh, Stella
      14. November 2018 at 17:40

      Jeps, hat geklappt, konnte das zweite mal alle Bilder sehen.

    • Antworten
      Meermond
      15. November 2018 at 12:08

      Von unten betrachtet ist das auch der Hammer. Sagt man. Ich war noch nicht unten, denn der Fußmarsch dorthin ist leider kein Familienausflug…

      • Antworten
        Stella, oh, Stella
        15. November 2018 at 13:37

        Ich dachte die Kinder waren nicht dabei … ???

        • Antworten
          Meermond
          15. November 2018 at 13:52

          Ne, das waren sie nicht. Aber zu Fuß zum Leuchtturm dauert so lange, dass ich das nur alleine machen könnte, weil einer von uns Eltern die Kids beaufsichtigen müsste derweil. Das ist auch nicht so prickelnd schön dann….Also war ich da noch nicht 🙂

  • Antworten
    Birgit Rentz
    14. November 2018 at 13:33

    Liebe Marion, genauso wie dir erging es mir und meinem Mann diesen Sommer, als wir erstmals die Steilküste zwischen Lønstrup und Nr. Lyngby von oben und von der Wasserseite her erkundet haben. Ehrfurcht vor den Naturgewalten und Schaudern beim Anblick einiger Grabsteine am Strand wechselten einander ab. Wir haben einen jungen Mann beobachtet, der in Höhe des Parkplatzes bei der Mårup Kirke vom Stand kommend die steile Wand hinaufgeklettert ist. Oben wartete sein Kumpel mit einer Flasche Bier. Wenn man unten am Strand entlanggeht, sieht man genau, wo die feuchten Stellen in der Steilküste sind und wo vermutlich der nächste Erdrutsch geschehen wird. Unser Ferienhaus stand noch ca. 15 Meter von der Abbruchkante entfernt. Wie knapp der Abstand wohl im nächsten Jahr sein wird, wenn wir wegen des unglaublich schönen Rundumblicks noch einmal wiederkommen wollen? Mein gruseligstes Erlebnis war neben einem menschlichen Knochen unterhalb des Mårup Friedhofes der Fund eines Schädels, der etwa 5 Meter über dem Strand auf einem Vorsprung thronte, als hätte ihn jemand dort zur Schau gestellt. Ich habe mir immer wieder die Frage gestellt, welchem Menschen ich da begegnet bin und vor wie vielen Jahren dieser auf dem Friedhof beigesetzt wurde. Wenn die Angehörigen gewusst hätten, dass Wind und Wetter ihr geliebtes Familienmitglied eines Tages wieder ans Licht befördern werden, hätten sie vielleicht einen anderen Ort für die letzte Ruhe gewählt …

    • Antworten
      Meermond
      14. November 2018 at 15:13

      Liebe Birgit, es tut mir leid, dass gerade du die verwirrende Version dieses Artikels lesen musstest. Heute hat WordPress den Editor verändert und mein übliches CopyPaste eines in Word geschriebenen Dokuments hat überhaupt nicht funktioniert. Es war und ist eine Katastrophe. Meine armen Abonnenten bekommen wohl dauernd neue Nachrichten.
      Ich dachte, ich wäre verrückt, weil ich meine Fotoarme über den Abgrund gehalten habe. Aber dort raufkraxeln ist lebensmüde. Wie kann man auf solche Ideen kommen? Und die dann noch feiern?
      Der Umgang mit der Kirche und dem Friedhof geschieht mit Respekt und Rücksichtnahme. Sofern es die Natur zulässt. Denn die beißt mit scharfen Zähnen zu…
      Herzliche Grüße 😍

  • Antworten
    Heike Pfennig
    14. November 2018 at 12:14

    Meine liebe Marion, ich glaube du warst sehr leichtsinnig und ich möchte dich bitte, es nicht noch einmal zu tun. Du hast Glück gehabt. Jedes Mal, wenn ich an dieser Küste laufe, sehe ich Touris die so leichtsinnig sind und ja auch Eltern die ihre Kinder dort laufen und toben lassen. Für mich ist das verantwortungslos. Die Küste ist meine Herzensküste und ich werde sie wohl vom Ufer her nicht wiedererkennen, wenn ich in 2 Jahren sie wieder besuche. Du hast ein großes Glück, dort zu leben, verschenke es nicht leichtsinnig. Von Herzen liebe Grüße aus Dresden, Heike

    • Antworten
      Meermond
      14. November 2018 at 12:22

      Ich bin mir des Leichtsinns bewusst und habe immer noch wackelige Knie. Ich verspreche dir und allen anderen, ich mach es nie wieder! Jetzt war ich ja mal ganz nah dran und ich habe wirklich einzigartige Fotos davon. Hier gehen sie ja nicht mehr verloren – und das ist schön. Nicht?

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