Meermond
Nordjütland Reisen in Dänemark

Rold Skov – Räuber, Geheimnisse und viel mehr

Dänemarks zweitgrößtes zusammenhängendes Waldgebiet bietet so viele Erlebnisse, dass man damit einen ganzen Urlaub füllen könnte. Wir waren im vergangenen Spätsommer dort und kamen damals mit dem Gefühl zurück, den 👉perfekten Tag erlebt zu haben. Dieses Wochenende waren wir wieder im Rold Skov unterwegs und wir sind uns nun sicher, dass dort jeder Tag zu einer einzigartigen Erinnerung werden kann.

Rold Skov ist ein mitten im Himmerland liegendes Waldgebiet, welches etwa 8000 Hektar umfasst. In ihm befinden sich alte Buchen, wahre Räubergeschichten, wasserreiche Quellen, Steinmonumente und Grabhügel aus vergangener Zeit, Dolinen, eine Kalksteinhöhle, Fossilien, Orchideen, die vermutlich schönste Heidekrautlandschaft von ganz Dänemark, zauberhafte Wander- und Fahrradrouten und das geheimste Geheimnis des Landes.

Rold Skov vereint vielfältige Naturlandschaften.

Die Räuber vom Rold Skov

Als wir unseren Fluchtwagen in Rebild abstellen, sind unsere Kinder kaum noch zu halten. „Wo sind denn nun die Räuber?“ und „Wann kann ich in die Räuberhöhle klettern?“

Wir packen unseren Rucksack und beginnen sofort mit unserem ersten Abenteuer. Gleich bei der Ortausfahrt Rebild verweisen Schilder auf den Røverknolden. Auf jenem Räuberhügel wurde ein weitläufiges Erholungs- und Abenteuerort für die gesamte Familie eingerichtet. Folgt man den Wanderwegen, findet man zwischen den Bäumen bunte Spielgeräte, lehrreiche Infotafeln zu den Tieren des Waldes, Märchenbücher, einen großen Spielplatz mit Grillstellen und Rasthütten und wohlklingende Rieseninstrumente.

Der kleine Belgier (1,25m) spielt.

Genau an diese Stelle soll sich einst ein besonders grimmiger Räuberhauptmann auf seine alten Tage zurückgezogen haben, um seine Taten zu bereuen. Vor seinen Schauergeschichten fürchteten sich schon viele Kinder aus der Gegend und nun sollen sie dafür mit dem herrlichen Spielareal entschädigt werden. Eine schöne Idee, wie ich finde.

Diesem Spielplatz sind viele weitere Attraktionen angeschlossen, die im Wald entdeckt werden wollen.

Bettefanden

Doch diese Geschichte hat einen wahren Kern. Anfang des 19. Jahrhunderts hatte sich eine recht große Räuberbande um den berüchtigten Bettefanden (kleiner Teufel) geschart. Der nur 1,45 m große, buckelige Johannes Jensen war schlau und verschlagen. Seinen Spitznamen erhielt er, als er bei einem Überfall eine Kuhhaut mitsamt Hörnern getragen und von seinem Opfer für den Teufel persönlich gehalten wurde. Sie versteckten sich gerne in einer riesigen Doline, um dann aus dieser Senke herauszuspringen und die auf dem Roldvej Fahrenden/Reisenden zu überfallen. Insgesamt waren es 82 Personen, die sich schließlich in einem langen Prozess, der von 1837 bis 1844 dauerte, vor Gericht verantworten mussten.

Auch heute gibt es noch Räuber im Rold Skov. Diese bieten ihre Überfälle allerdings als 20 minütiges Erlebnisschauspiel inklusive Gesang und Geschichten an.

Ein Wald mit vielen Zimmern

Als wir ein wenig um den Røverknolden herumspazieren, fällt uns auf, dass sich das Erscheinungsbild des Waldes jeweils nach nur wenigen Metern ändert: Hier stellen sich Nadelbäume akkurat in einer Reihe auf, auf der anderen Seite des Weges scheinen gewaltige Buchenarme aus dem braunen Laub herausgreifen zu wollen. Wieder ein paar Schritte weiter recken sich unzählige schlanke Stämme von jungen Buchen wie überdimensionale Schaschlikspieße in die Höhe und daneben lädt ein hellgrüner Waldboden dazu ein, sich ins weiche Moos zu legen. Wir alle sind begeistert von unserer abwechslungsreichen Wanderung und teilen Rold Skov in verschiedene Waldzimmer ein.

Hügeliger Nadelwald

Schließlich gelangen wir zu einer Lichtung mit einem kristallklaren See. Im Untergrund des Rold Skov befinden sich Kalk- und Kreideschichten, die an verschiedenen Stellen auch an der Oberfläche sichtbar sind. Durch Risse im Kalk gelangt das Regenwasser sehr schnell in den Untergrund und in das Grundwasser. Unterirdische Spalten und Gänge führen das Wasser an vielen Stellen wieder zurück an die Oberfläche. Es ist also das Wasser, das seit jeher für Einstürze und Auswaschungen gesorgt hat und so eine Landschaft erschaffen hat, wie sie schöner nicht sein könnte!

Glasklar.

Ein Wald voller Geheimnisse

Am nächsten Tag begeben wir uns auf Entdeckungsreise. Im Rold Skov verbergen sich nämlich bis heute ungeklärte Mysterien.

Das Gebiet des Rold Skov zeigt Spuren früher Besiedlung. Man findet viele Grabhügel aus der Bronzezeit, Megalithbauten und Steinkreise aus der Jungsteinzeit. Ob die dänischen Dolmen nur Einzelgräber waren, scheint wohl noch nicht geklärt zu sein. Man begann mit ihrer Erbauung etwa ab 3500 v. Chr. und es gibt heute noch 6500 dieser Stendysser.  

„Stenstuen“

Der Deckstein eines weiteren Dolmen hat inzwischen eine andere Bedeutung bekommen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als die Tuberkulose ihr Unwesen trieb, begannen die Menschen damit, 10 Örestücke in die noch sichtbare Öffnung darunter zu werfen und sich Gesundheit zu wünschen. Man verstand die Dolmen damals als heiligen Altar oder Opferstätte und nicht als Grab. Es versteht sich von selbst, dass auch wir dem ønskesten unsere Wünsche anvertrauen wollten.

Ønskesten – Die 5 Stützsteine sind unter der Oberfläche.
Alt bliver godt igen – ein oft ausgesprochener Satz während der Coronazeit.

Auf der Suche nach der Aussicht

In unmittelbarer Nähe des ønskestens soll sich ein Aussichtsturm befinden, so unsere Information. Wir parken also beim Parkplatz Frauenschuh und machen uns auf die Suche. Wir befinden uns im ziemlich steilen Bergwald. Hier wachsen auf dem kalkigen Untergrund wilde Orchideen, von denen ich derzeit leider noch kein Foto machen konnte. Ihre Blütezeit ist erst Ende Mai und ich hoffe, das kleine Feld mit Frauenschuh rechtzeitig besuchen zu können.

Frauenschuh [Pixabay]

Die Orchideen werden durch eine Umzäunung vor Dieben geschützt und von alten, vielstämmigen Buchen umgeben. Unsere Wanderung ist nicht nur wegen des steil abfallenden Geländes atemberaubend.

Im Rold Skov wachsen vielstämmige Buchen!

Nach einer Weile stehen wir endlich vor den Resten eines Fundaments. Hier hatte also einmal ein Aussichtsturm gestanden. Dass es ihn nicht mehr gibt, ist noch nicht in der offiziellen Karte eingetragen. Die Kinder sind enttäuscht und haben keine Lust mehr. Sie wollen zurück auf den Campingplatz.

Lille Blåkilde

Im Auto besprechen Alexander und ich uns über weitere Sehenswürdigkeiten in unserer Nähe. Wir überlegen gerade, wer bei den Kindern bleiben und wer noch zur Lille Blåkilde wandern soll. Doch als unsere Kleinen hören, dass die kleine (lille) Quelle (kilde) zu den wasserreichsten Nordeuropas gehört, bekommen sie lange Ohren. Sie beschließen, eine Flasche blaues (blå) „Heilwasser“ holen zu wollen. Von dieser Phantasie beflügelt brechen wir um 18:30 Uhr tatsächlich noch zu einer größeren Wanderung auf.

Lille Blåkilde ist gar nicht so klein wie es ihr Name annehmen lässt. Pro Sekunde sprudeln 90 Liter kaltes und kristallklares Wasser an die Oberfläche. Sie darf daher weder betreten, noch mit Hunden besucht werden. Um zu ihr zu gelangen, muss man ein Stück wandern und tatsächlich ist der Feldweg von unserem Campingplatz aus eine sehr geschickte Route. Wir passieren erneut verschiedene Waldzimmer, erfreuen uns an Teppichen aus Buschwindröschen und folgen verschlungenen Pfaden.

Auf dem Weg zur Lille Blåkilde

Das Abendlicht sorgt für eine ganz besondere Stimmung und wir genießen die Stille des Waldes. Schließlich gelangen wir zu einem Weg, der direkt am Waldrand entlang führt und stimmungsvolle Ausblicke ermöglicht. Hier kann man Gravlev und den zugehörigen See sehen:

Gravlev Sø

Das Plätschern der Quelle klingt so erfrischend wie ihr Wasser schmeckt. Die letzten Meter muss man auf einem Holzweg durch das sumpfige Gelände gehen.

Lille Blåkilde
Die Quelle soll nicht betreten werden.

Wir füllen unsere Flaschen und treten den Heimweg an. Schließlich ist es bereits spät und wir wollen unbedingt noch ein weiteres Geheimnis des Waldes entdecken: Stenrækken.

Die mysteriöse Steinreihe

Unsere Route führt uns fast direkt an einem Mysterium vorbei, dessen Hintergründe bis heute nicht eindeutig geklärt sind. Mitten im Wald befinden sich auf einer Länge von etwa 70 Metern insgesamt 29 Steine*. Sie sind so in einer Reihe ausgerichtet, dass sie am Tag der Sommersonnwende exakt auf den Punkt zeigen, an dem die Sonne untergeht. Am Tag der Wintersonnwende zeigt das andere Ende auf den Punkt, an dem die Sonne aufgeht. In unmittelbarer Nähe davon befinden sich mehrere Hügelgräber und zwei Steinkreise. Der eine misst 10 Meter im Durchmesser und besteht aus annähernd hundert kleinen Steinen, ein kleinerer daneben aus 7 großen Blöcken. Welche Funktion hatte dies? Und warum wurde genau zwischen den Kreisen ein noch riesigeres Hügelgrab errichtet?

Ist diese Steinreihe ein Kalender?
Links: Anhöhe zum großen Hügelgrab, mittlerer Bildhintergrund: kleiner Steinkreis mit großen Steinen, Bildmitte: großer Steinkreis mit kleinen Steinen.

Die Steinreihe ist noch nicht datiert, könnte aber durchaus aus der Bronzezeit stammen, in der die Sonne sowohl in Darstellungen als auch in der Mythologie von Bedeutung gewesen ist. Den noch langen Heimweg verkürzen wir durch phantasievolle Geschichten, zu denen wir im Laufe des Tages angeregt wurden.

Wir sind stolz auf unsere Kleinen, die um 21 Uhr todmüde in unseren Wohnwagen klettern und die von meinem Handy mitgezählten Schritte feiern.

Morgenspaziergang in Rebild Bakker

Unser letzter Tag beginnt mit der Verkündung, dass ein kleiner Junge, der am Vortag mehr als 25000 Erwachsenschritte gelaufen ist, auf gar keinen Fall schon wieder „rumlatschen“ werde.

Und so latscht Alexander eben alleine los. Was ursprünglich als „Ich schau mir das vor der Abfahrt nur mal schnell noch an“ geplant war, endet damit, dass er drei Stunden später total durstig, aber mit gefüllter Speicherkarte wieder vor uns steht. Wer nimmt schon eine Wasserflasche mit, wenn er sich nur mal eben in unmittelbarer Nähe des Campinglatzes umsehen will?

Aber in Rebild Bakker schaut man sich eben nicht mal nur kurz um. Rebild Bakker ist unfassbar schön. Man kommt nicht aus dem Staunen heraus und kann gar nicht glauben, dass dieser Ort tatsächlich in Dänemark ist. (Ich verweise an dieser Stelle auf unsere wunderschöne Galerie vom Spätsommer.)

Dieser Aussichtsturm wackelt enorm stark.
Lichtspiel

Rold Skov macht süchtig

Es fällt uns schwer, uns wieder auf den Heimweg zu machen. Außerdem gibt es noch eine ganze Menge an Geheimnissen, denen wir auf den Grund gehen wollen. Zum Beispiel befindet sich ganz in der Nähe von Rebild das allergeheimste Geheimnis von Dänemark! Es gelangte erst 2012 an die Öffentlichkeit: ein unterirdischer Atombunker.

Dieser Bunker sollte Staatsoberhäupter und bedeutsame Menschen im Falle eines Abwurfs einer Atombombe über der Ostsee aufnehmen. Die Erlaubnis dazu hatte das Königreich während des kalten Krieges übrigens bereits erteilt. Der Bunker soll Ende 2021 für Besucher zugänglich sein, das Haus, das den Eingang über Jahrzehnte hinweg getarnt hatte, möchte ich dennoch sehen.

Beim Packen versuchen wir herauszufinden, was uns jeweils am besten gefallen hat. Doch das will uns nicht gelingen. Alles, was wir erlebt haben, war an sich großartig. Der Wald ist ein Erlebnis, die Landschaft ist überwältigend und die Bäume halten unsere Kinder für die besten Kletterbäume der Welt.

Rold Skov macht süchtig!

In den alten Buchen kann man wunderbar herumklettern.

Mehr Bilder findest du in unserer 👉 Galerie.

God tur wünscht dir


Weitere Informationen:

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Karte mit den Sehenswürdigkeiten im Rold Skov: 👉 hier

Rebildporten: 👉 hier


*Hier liegen unterschiedliche Informationen vor: Vor Ort werden an der Informationstafel 27 Steine angegeben, auf der Webseite 29. Wir haben sie nicht gezählt.

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6 Kommentare

  • Antworten
    Stella, oh, Stella
    27. April 2020 at 23:56

    Ja, Roldskov macht süchtig, das kann ich unterschreiben!

    Wir haben letztes Jahr versucht, die Orchideen zu sehen, aber Mitte Mai war noch nicht einmal andeutungsweise eine Stengelbildung zu sehen, nur ein paar ziemlich armselige Blätter. Es war einfach zu lange zu kalt. Dieses Jahr wird es vielleicht besser.

    • Antworten
      Meermond
      28. April 2020 at 11:59

      Das fände ich schön, ich erinnere mich an ein Feld in Bayern. Es wurde mir unter allerhöchster Geheimhaltung anvertraut. Ich bin erstaunt, dass man hier sogar via Straßenschild auf das Areal hinweist. Es gibt immer rücksichtlose Leute 😕
      Übrigens sind deine schönen Bilder und Berichte vom Rold Skov daran „schuld“, dass ich das da jetzt auch so toll finde 😁 deine Begeisterung war also sehr ansteckend. 😍

      • Antworten
        Stella, oh, Stella
        28. April 2020 at 14:49

        Das freut mich! Es ist ja auch ein so vielseitiges Gebiet. Lille Blåkilde ist meine Lieblingsquelle. Das Wasser ist so kristallklar!

        So weit ich mich daran erinnere, ist bei den Orchideen Kameraüberwachung während der Blütezeit. Wir waren 2018 dort. Da waren die meisten schon verblüht, aber eben doch nicht alle. Und ich meine Kameras gesehen zu haben.

        • Antworten
          Meermond
          29. April 2020 at 21:54

          Kameras wären wirklich eine gute Möglichkeit, die Leute vom Graben abzuhalten. Manche brauchen eine Abschreckungsmaßnahme.

          • Stella, oh, Stella
            29. April 2020 at 22:49

            Aber würde man überhaupt durch den Zaun kommen, um zu graben???

          • Meermond
            30. April 2020 at 23:24

            Also ich nicht 😬