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Travelblogger – die Frage nach der Verantwortung

Am Wochenende gönnten Alexander und ich uns eine Reisereportage. Mit Nüssen, Wein und warmen Decken machten wir es uns auf unseren Sofas gemütlich. Wie immer lag jeder auf seiner eigenen Couch, die beide rechtwinklig zum Fernseher im Raum stehen. Perfekt vorbereitet freuten wir uns auf Berichte und Bilder von Island. Wir lieben die Insel aus Feuer und Eis. Vermutlich wird es unser Familienbudget nie erlauben, unseren Kindern zu zeigen, wie Land entsteht und was Plattentektonik für Wunder hervorbringen kann.

Wir benutzen also Medien, um Island zu entdecken.

Island Tektonische Platten
Unser Traum – Island entdecken

Wir starteten die Aufnahme und sofort stürzten gewaltige Bilder und dramatische Orchestermusik auf uns ein. Unsere Augen flogen quasi mit der Drohne mit und wir staunten über Wasserfälle, bizarre Lavafelder und nordische Landschaften.

Nach wenigen Minuten waren wir bereits etwas überfordert vom schnellen Schnitt und von der rasanten Abfolge an Eindrücken. Man ließ uns keine Zeit, Island „aufzunehmen“! Wir entdeckten Parallelen zu den aus Fotos erstellten Filmen, wie sie G…gle Fotos ab und an automatisch macht.

Wir setzten uns auf und sahen uns fragend an. Die Drohne auf dem Fernseher raste derweil weiter über das Land.

„Die haben keine Stimmung eingefangen!“

Die Reportage gab mir zu denken. Wie kann man ein Land darstellen, wenn man sich auf die simple Abfolge einzelner Bilder beschränkt? Reicht es wirklich aus, möglichst viele Orte in kürzester Zeit abzuklappern, um einen Überblick zu erhalten?

Ich behaupte nicht.

Jedes Land hat seine Sehenswürdigkeiten und Eigenheiten. Und natürlich wollen Touristen vorrangig jene Einzigartigkeiten aufsuchen, weil sie das Aushängeschild des gewählten Urlaubsortes/-landes sind! Urlaub ist eine Zeit, die für jeden kostbar ist und wir alle haben den Wunsch, diese Tage unvergesslich zu gestalten.

Bei der Planung gilt es also folgende Fragen zu berücksichtigen:

Was will ich gesehen haben?

Welche Erinnerungen möchte ich mitnehmen?

Doch leider auch: Wie viel Zeit bleibt mir dazu?

Für uns ist die Antwort einfach: Es ist immer zu wenig. Vor jeder Reise wünschen wir uns, ein kleines bisschen der Stimmung zu finden, die es uns ermöglicht, das Land zu erspüren.

Island Straße Leer
Wie fühlt sich die Leere Islands an?

„Am Ende bist du nichts anderes als ein Tourist!“

Es gibt immer wieder Menschen, die nach Geheimtipps oder Insiderinformationen suchen. So auch in der oben erwähnten Reportage. Irgendwann hatten wir uns an die Schnelligkeit der Kameraführung gewöhnt und es aufgegeben, ein bisschen Island in diesem Film erspüren zu wollen. Gemeinsam mit dem freundlichen Reporter flitzten wir durch das schöne Land und hatten Freude an prachtvollen Aufnahmen und vermeintlich geheimen Entdeckungen.

Was ist schon „geheim“, wenn das Kamerateam vor Ort auf ausgebauten Holzwegen gehen kann und selfielächelnde Asiatinnen vor dem Geheimtipp gefilmt werden können?

Geysir Island
Auf der Suche nach Unbekanntem entdeckt man Bekanntes.

Ein Geheimtipp ist letzten Endes nur ein Vorschlag, etwas bereits Entdecktes zu besuchen. Wie sonst sollte jemand davon wissen?

Wir alle suchen nach Stellen, die sich ihre Ursprünglichkeit erhalten konnten oder sie bestmöglich zeigen. Darüber hinaus gefallen uns Orte, die uns Einblicke in das Leben der Einheimischen geben, weil wir gerne das „Herz“ eines Landes kennenlernen wollen. Verbreitet man jene „Geheimtipps“ aber, dauert es nicht lange und Unmengen an Neugierigen aus aller Welt walzen jegliche Ursprünglichkeit platt.

Touristen Massentourismus
Tourismus ist nicht unproblematisch!

An vielen Orten ist Tourismus zum Problem geworden. Das liegt daran, dass wir heute überall hinreisen können und dass die Zahl derer, die es tun, unaufhaltsam steigt. Gleichzeitig erkennen immer mehr die Wichtigkeit von Respekt und Rücksicht auf Reisen. Doch selbst wenn man noch so einfühlsam und verständnisvoll auftritt, man ist und bleibt ein Tourist.

„Was ist die Alternative?“

Das ursprünglich leere Island präsentierte sich in der Reportage als erstaunlich lebhafte Insel und ich war überrascht, wie viele Asiaten in dem Film waren. Ich fragte mich, wie lange deren Anreise wohl gedauert haben muss und wie lange sie wohl bleiben können?

Mit Anhängern wurden die Touristen zu Sehenswürdigkeiten gekarrt, zu monatelanger Vorausbuchung wurde geraten. Die blaue Lagune war meines Erachtens unangenehm voll und wurde als von den Einheimischen gemiedenes Bad vorgestellt. Kein Wunder!

Als Reisende machen wir uns auf den Weg, die Welt zu entdecken und tragen so dazu bei, sie kaputt zu machen. Ich denke an Hotelburgen, Aufbau weiterer Infrastruktur und Zerstörung dessen, was einst so bereisenswert gewesen war. Auch die Eisgletscher Islands schmelzen, weil wir mit Flugzeugen um die Welt fliegen und es nicht schaffen, die wenigen Einzelbetriebe, die für 75% des globalen CO2 Ausstoßes verantwortlich sind, unter erheblichen Druck zu setzen.

Eis Gletscher Island
Vergängliche Schönheit Islands.

Genauso unmöglich ist es, innerhalb der meist üblichen zwei Urlaubswochen zu entdecken, wie das Herz eines Landes wirklich schlägt.

Was ist also die Alternative?

Slow travel

Wie ich bereits angedeutet habe, macht es wenig Sinn, innerhalb kurzer Zeit möglichst viele Must-Sees zu absolvieren. Man kann sich dann doch bloß anhand der Fotos erinnern, was man eigentlich gesehen hat! Es gibt heute viele Möglichkeiten, die Sehenswürdigkeiten zu bestaunen und noch dazu ohne all die vielen Köpfe der anderen Touristen.

Sei doch mal ehrlich, wie oft hast du dich schon über die anderen Menschen geärgert, die dir die freie Sicht auf dein Fotomotiv versperrt haben? Weißt du, dass die Menschen vor der Trolltunga Schlange stehen für das ultimative Alleinsein über Norwegens Fjordlandschaft?

Zwei Wochen sind kurz und oftmals teuer. Sie sind auch zu wertvoll, um wie eine Drone von einer Sehenswürdigkeit zur anderen zu fliegen und Geheimtipps hinterherzujagen, aus denen man die Seele eines Landes herausquetschen will. Wir müssen uns eingestehen, dass wir eben nicht für zwei Wochen ans andere Ende der Welt fliegen und Erlebnissen hinterher jagen können, ohne unverantwortlich zu handeln.

Wir müssen uns einschränken und den Blick auf das lenken, was uns nahe ist. Das gilt nicht nur für unseren Alltag, sondern auch für unsere Reisen.

Zeit Hektik Laufen
Urlaub muss Zeit brauchen dürfen!

Wir reisen dieses Jahr nach Schweden. Der Fährhafen ist 35 Minuten von uns entfernt und wir haben uns für einen Campingurlaub entschieden. Wir stecken unsere Nasen in ein riesiges Land, welches wir noch gar nicht kennen und auf das wir uns sehr freuen. Jedes Wochenende sehen wir uns mit den Kindern eine Sendung über Schweden an, um ihnen das Land zu zeigen. Natürlich haben wir eine kleine Idee, was wir gerne besichtigen würden. Doch am allermeisten freuen wir uns darauf, irgendwo eine Stelle zu finden, die uns zum Bleiben einlädt.

Zum Zeit anhalten.

Schweden Haus rot
Wir folgen unserer Nase in Schweden.

Wir wissen nicht, wo das sein wird. Aber der Weg dorthin wird unser Ziel. Diese Zeit nehmen wir uns und die Geheimtipps sehen wir uns im Fernsehen und in Fotobüchern an.

Mediale Verantwortung

Viele Medien beschränken sich auf Klischees und lösen so Wünsche aus, die unerreichbar sind. Das Internet ist voller Listen mit Must Sees und Tipps, die eine Reise perfekt machen sollen. Manche Filmemacher und Autoren verraten Geheimtipps, um Beachtung zu finden und bedenken nicht immer die Folgen ihres Handelns.

Auch Blogger tun das und ich selbst nehme mich da nicht heraus. Meermond zeigt, was viele lieben. Alexander und ich wecken Sehnsüchte und Träume. Und wir arbeiten dabei mit Tricks.

Wer will schon ein schiefes, mit Staub verunreinigtes Foto sehen,

Strand Dänemark Auto
Vollgestopft, schief und wenig anregend.

wenn es vom gleichen Tag ein einladendes Klischeebild gibt?

Strand Dünengras Meer
Dünengras, Meer, Blau, versteckte Autos – perfekte Urlaubsidylle.

Dennoch schreibe ich immer wieder Artikel, die keine astronomischen Aufrufzahlen erreichen. Ich werde vermutlich nie reich und berühmt! Immer wieder zeige ich meine Gedanken und das wahre Leben, denn das ist meiner Meinung nach interessant und muss auch einen Platz haben dürfen! Gelesen werden diese Beiträge meist nur von denen, die es mögen, mir in meine Gedankenwelt zu folgen und auf dem Teppich der Realität zu bleiben.

Und all denen zeige ich, wie das obige Straßenbild durch Island im Original ausgesehen hatte. Ich tippte „Island“ bei Pixabay ein und fand unter anderem dieses stilisierte „Gemälde“:

Island Sonnenuntergang Straße
Island unerfüllbar und unerreichbar.

Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst und arbeiten fortlaufend daran.

Versprochen.

Meermond Logo

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Travelblogger Verantwortung




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13 Kommentare

  • Antworten
    etoilefilante22
    30. April 2019 at 13:38

    Ich bin eine bekennende langsamreiserin 🙂 Es ist nicht „in“ sechs wochen lang nur die nordinsel von neuseeland zu bereisen….. ich hab’s getan und nicht bereut! Die südinsel ist vielleicht für ein anderes mal, oder gar nicht…..

    bisous vom meer

    • Antworten
      Meermond
      6. Mai 2019 at 9:31

      Was hast du wohl in diesen sechs Wochen alles erlebt…Ich bin mir sicher, dass du unzählige Erinnerungen aus diesem Urlaub mitgebracht hast. Vielleicht kannst du ja irgendwann in den Süden reisen und dir ebenfalls viel Zeit dazu nehmen. Gute Reise!

  • Antworten
    Christine
    30. April 2019 at 6:54

    Du sprichst mir aus der Seele. Schweden ist so unglaublich rein, weit und klar, und es passiert so wenig, dass man vollkommen zur Ruhe kommt. Allerdings sind die Mückenschwärme nicht gerade angenehm! Ich habe in Schweden zum erstenmal so klares Wasser gesehen und so reine Luft geatmet, wie ich es noch nie vorher erlebt hatte. Für Kinder ist es das reinste Paradies, vor allem die Schären. Viel Spaß bei Eurer Reise!

    • Antworten
      Meermond
      30. April 2019 at 10:21

      Danke dir.
      Ich bin schon sehr gespannt auf unser Nachbarland. Ich möchte aber kein Plädoyer für Schweden mit diesem Beitrag machen. Ich wollte eher auf Slow travel hinaus 🤗
      Liebe Grüße!

    • Antworten
      Christine
      30. April 2019 at 21:41

      Ja das habe ich schon verstanden, mich nur mißverständlich ausgedrückt.Slow Travel meinte ich, spricht mir aus der Seele. Leider habe ich inzwischen sehr wenig Zeit, dieses auch zu leben.Und ich bin auf der Suche nach einem Land, wo man dies zur Zeit leben kann. Hoffentlich legt sich der Urlaubs-Hype in Dänemark irgendwann wieder, dann kann man es dort auch wieder genießen.

      • Antworten
        Meermond
        6. Mai 2019 at 9:33

        Ich vermute, dieser Hype wird sich nicht mehr legen.

  • Antworten
    Andrea
    29. April 2019 at 20:10

    Ein toller Artikel, der mich zum Nachdenken anregt…

    • Antworten
      Meermond
      30. April 2019 at 10:21

      Vielen herzlichen Dank 😍

  • Antworten
    Stella, oh, Stella
    29. April 2019 at 17:20

    Da könnt ihr euch freuen, Schweden ist wunderschön! Und ihr habt wesentlich mehr Chancen, einen Elch zu sehen. 😉

    • Antworten
      Meermond
      30. April 2019 at 10:22

      Ich bin sehr neugierig. Und hoffe, einen zu sehen und vielleicht zu hören 😍😍😍

  • Antworten
    Franzi
    29. April 2019 at 14:37

    Ein großartiger Artikel zu einem Thema, dass auch mich stark bewegt. ❤ Schweden hat im Übrigen zum Glück wenig Spektakuläres, wenngleich unzählbare wunderbare Plätze in der Natur, an Küsten und in den Wäldern, zu bieten. Vielleicht kann man gerade deswegen hier noch die wahre Ruhe finden und die Momente genießen. Das ganze Land ist ein Geheimtipp – aber pssst! 😘

    • Antworten
      Meermond
      6. Mai 2019 at 9:32

      Gut, ich verrate mal nichts. Soll ja weiterhin geheim bleiben 😉

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