Meermond
dänische Kultur

Typisch dänisch – Land und Leute: Poul Erik

Wie sind die Dänen denn so? Was ist typisch dänisch? Das sind Fragen, die man uns sehr häufig stellt. Was die meisten wirklich wissen wollen, ist, wie es sich anfühlt, hier im Land und mit den Dänen zu leben. Nun, eine meiner pauschalen Antworten lautet: „Schön!“ Ich weiß sehr wohl, dass die Fragenden Land und Leute kennenlernen wollen, doch was soll ich darauf antworten, um jeden zufrieden zu stellen? Schließlich erlebt jeder Mensch andere Dinge und jeder reagiert auch anders auf Erlebnisse – selbst wenn es die gleichen sind. In einer neuen Reihe „Typisch dänisch – Land und Leute“ erzähle ich immer wieder mal Geschichten über Menschen, auf die wir hier im Norden von Dänemark treffen. Sie sollen die konkreten Antworten geben, die hinter meinem „Schön!“ stecken. Den Anfang mache ich mit Poul Erik. Er war der erste Däne, den wir näher kennen lernen durften.

Mama, da steht ein Mann vor unserer Tür!“

Es ist der 6. November 2014. Wir sind mitten bei unseren Einzugsarbeiten. Besuch erwarten wir nicht, als plötzlich ein freundlich lächelnder Mann vor der offenen Haustür steht. Er betritt unseren Flur nicht und wartet respektvoll auf uns Erwachsene. Ich begrüße ihn und konzentriere mich auf meine Dänischkenntnisse. Dann fängt er an zu sprechen und die damals noch klitzekleinen Kinder laufen weg.

Poul Erik

Höchst erschrocken frage mich ganz kurz, ob wir nicht versehentlich in Finnland gelandet sind! Nach seinem „Hej!“ verstehe ich nämlich nichts mehr. Und ich meine wirklich Nichts! Eineinhalb Jahre intensiver Dänischunterricht lösen sich innerhalb eines Wimpernschlags in melodisches Wabern auf.

Wenige Minuten später marschieren mein großer Sohn und ich zu ihm nach Hause. Dort sitze ich zusammen mit seiner Frau in einer gemütlichen Wohnküche und trinke Kaffee. Sie verstehe ich wesentlich besser, kann mir aber zu dem Zeitpunkt noch nicht erklären, warum das so ist. Maximilian unterhält sich auf Englisch mit seinem zukünftigen Klassenkameraden, dem Sohn des netten Ehepaares. Alexander bleibt derweil mit den Zwillingen zwischen den Kisten zurück.

Etwa ein Jahr lang war ich fest davon überzeugt, unser Nachbar heiße nur Poul. Heute kenne ich ihn als Poul Erik und schätze ihn sehr.

Poul Erik Jensen (Foto: Gregers Vestmark Jensen)

„Teilen wir uns zwei Bier?“ (Zitat Poul Erik)

Unser Nachbar ist ein engagierter Mann. Er ist in mehreren Vereinen aktiv und dirigiert einen Männerchor. Immer hat er einen Rat für uns, wenn wir ihn darum bitten, und er hat für alles und jeden ein offenes Ohr. Sein jüngster Sohn ging mehrere Jahre mit unserem in die gleiche Schule. Das trug wesentlich dazu bei, dass Maximilian schnell Fuß fassen konnte.

Poul Erik ist Musiker und Komponist. Er blickt auf eine inzwischen fast 50jährige Karriere als sogenannter festmusiker (Unterhaltungsmusiker) zurück. Man kann ihn zu Festen, Tanz- und Abendveranstaltungen buchen und sein Repertoire umfasst viele Genres. Von ihm haben meine Kinder und ich bereits mehrere Notenbücher und CDs geschenkt bekommen. Durch ihn konnten wir uns einen Einblick in das dänische Liedgut und auch Volksweisen verschaffen. Schließlich ist fællessang (gemeinsames Singen) tief in der Kultur verwurzelt und wirklich typisch dänisch!

Selbst wenn man kein einziges Wort Dänisch kann, ist es möglich, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Jeder, der uns hier besucht hat, kennt ihn inzwischen.

Ich erinnere mich an ein sehr berührendes Erlebnis, als mein Vater nach dem überraschenden Tod meiner Mutter eine Weile bei uns untergetaucht war. Es war bedrückend und still. Eines Tages kam ich von der Arbeit nach Hause und platzte mitten in eine fetzige Musiksession. Poul Erik hämmerte auf meinem Klavier und mein Vater, selbst seit Jahrzehnten aktiver Musiker, sang und spielte Gitarre dazu. Ich habe nicht gefragt, wie sich die beiden miteinander unterhalten haben und auch nicht worüber. Auf dem Tisch standen zwei Dosen Bier. Und mein Papa lächelte wieder.

Poul Eriks Musik

Seit vielen Monaten aber fehlt etwas, was einfach zu Poul Erik gehört. Ich vermisse den Anblick, wenn er sein Keybord und die technische Ausstattung in den Anhänger lädt. Seit Corona kann er seine Musik nicht mehr im gewohnten Umfang erklingen lassen. Vor ein paar Tagen stand er erneut vor unserer Tür und überreichte mir sein neuestes Werk. In seinem aktuellen Notenbuch „Festmusik & Fortællinger“ verleiht er eigenen Texten und denen verschiedener Dichter Melodien. Die Zusammenarbeit mit den im Vendsyssel bekannten Dichtern Jens Rosendal und Poul Jansen freut ihn besonders. Der Untertitel „syng danske viser og fælles sange“ (sing dänische Weisen und gemeinsame Lieder) fasst die Thematik seiner Sammlung zusammen. In seinem Werk nimmt er uns unter anderem mit auf eine musikalische Reise nach Berlin („Balladen om Berlinmuren“), nach Ribe („Vores by RIBE“) oder auch in die Dünen („Gennem Klitter“).

Festmusik&fortællinger – syng danske viser og fælles sange von Poul Erik Jensen

Neben den 50 Musikstücken erzählt Poul Erik im Buch über sich selbst, gibt Informationen zu den Dichtern und den Hintergründen seiner Lieder. Und ich mache hiermit unbezahlt und unbeauftragt Werbung für meinen Nachbarn, denn sein Motto ist, dass Lieder gesungen werden sollen:

Sange bliver til for at blive sunget!

Auf seiner Webseite Pouleriksmusik.dk kann man seine Lieder nicht nur anhören, sondern sich auch die dazugehörenden Noten herunterladen. Seine Kompositionen würde ich eher breit der Unterhaltungsmusik zuordnen, der Begriff Volksmusik erscheint mir nicht passend. Und doch spiegeln Texte und Melodien einen Teil der dänischen Kultur.

Auf alle Fälle ist Poul Erik ein Musiker mit Herz und noch mehr Leidenschaft. Und ein wundervoller Nachbar noch dazu.

Wie spricht er denn nun, der gute Poul Erik?

Wie bereits oben angedeutet, brauchte ich tatächlich lange, bis ich Poul Erik durchweg verstehen konnte. Er spricht selbstverständlich Dänisch und das noch recht flott dazu. Doch ab und an klingt seine Aussprache eben etwas anders als das, was ich in meinen Kursen gelernt hatte. Er beherrscht nämlich den hier im Vendsyssel verbreiteten Dialekt Vendelbomål. In meinen Ohren ist das eine komplett eigene Sprache, die du dir ➡ hier in einem meiner älteren Artikel anhören kannst. Poul Erik und seine Frau haben darin die dialektgefärbten Entsprechungen zu dänischen Sätzen eingesprochen. Was da steht und was die sagen, ist total verschieden! Hört gerne mal rein, das ist wirklich lustig! Es macht mir übrigens immer großen Spaß, mit ihm und vielen anderen hier über die Vielfalt und Wunderlichkeiten der dänischen Sprache zu lachen. Denn eines muss man ihnen lassen, den Dänen: Sie haben jede Menge Humor. Typisch dänisch eben!

Tak for sidst, Poul Erik!

„Festmusik&Fortællinger – Syng danske viser og fælles sange“, komponiert von Poul Erik Jensen. ISBN 978-87-93501-35-5. 74 Seiten im Ringbuch, mit Fotos. Erhältlich bei gatewaymusic.dk

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7 Kommentare

  • Antworten
    Gabi Oettigmann
    8. Mai 2021 at 18:51

    Ich hätte auch gerne einen Poul Erik als Nachbarn. 😉😍
    Lieben Gruß von Gabi aus Münster

    • Antworten
      Meermond
      8. Mai 2021 at 19:13

      Das glaube ich dir sofort. Wir haben echt Glück mit der Wahl unseres Wohnortes gehabt. Wir sind von netten Leuten quasi umzingelt 😍

  • Antworten
    Heike Hunold
    8. Mai 2021 at 13:46

    👍👍😍

  • Antworten
    Stella, oh, Stella
    8. Mai 2021 at 0:13

    Ich habe mir gerade mal etwas von ihm angehört. Er hat eine sehr angenehme Stimme! Was ich so gehört habe würde ich als „Dansktoppen“ oder Schlager einsortieren. Er schreibt schöne Melodien, die gut „haften“ bleiben.

    • Antworten
      Meermond
      8. Mai 2021 at 19:18

      Ich finde auch, dass er ein guter Musiker ist. Als er beim zweiten Mal vorbeigeschaut hatte, sang er den Kindern irgendein Kinderlied mit paraply vor. Ich weiß das deswegen so genau, weil ich im Anschluss paraply im Wörterbuch nachgeschaut hatte. Es war eines der ersten neuen Wörter im Land 😁😍