Meermond
Nordjütland Reisen in Dänemark

Geschichten und Geheimnisse im Vendsyssel

Wir lieben es, verborgenen Geschichten und Geheimnissen nachzuspüren. Getrieben von unserer großen Neugierde erfahren wir viel über Dänemark und die Region Vendsyssel, über die Natur und besonders über die Menschen, unter denen wir leben.

Schon so manches Mal erlebten wir auf unseren Familienausflügen richtig faszinierende Zeitreisen!

In Dänemark ist es nämlich an vielen Stellen möglich, einen tiefen Einblick in die kulturelle Vergangenheit des Landes zu machen. Dazu muss man nicht einmal zu den bekannten Attraktionen, wie zum Beispiel in Aarhus, Ribe oder Roskilde, fahren. Selbst im scheinbaren Niemandsland verstecken sich große Geheimnisse. Wir sind beispielsweise in einen Grabhügel aus der Jungsteinzeit hinein gekrochen, haben uns in einem Wikingerdorf am Feuer gewärmt oder haben ein Abendessen im Jahr 1914 genossen.

Dieses Mal erzähle ich euch von zwei kulturellen lækkerbisken [dt. Leckerbissen] aus unserer direkten Umgebung bei Dronninglund und Klokkerholm.

Sømose im Herbstnebel
Sømose im Herbstnebel

1. Sømose bei Dronninglund

Das Sømose [dt. Seemoor] befindet sich im südlichen Teil des Storskov (dt. großer Wald) bei Dronninglund und liegt verborgen zwischen den teilweise recht hohen Hügeln des Jyske Ås.

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Eben diese Abgeschiedenheit war der Grund dafür, dass sich dort einst fahrendes Volk niedergelassen hatte. Es bewohnte Erdhütten und primitive Behausungen rund um das Moorgebiet.

Während der Sommermonate zogen die Menschen als Gaukler und Zirkusartisten durch die Lande und kamen erst im späten Herbst zurück. Seinerseits eher misstrauisch beäugt kennt man die Nachfahren »der Reisenden« heute in ganz Dänemark!

Wer waren »die Reisenden«?

Man geht davon aus, dass die Vorfahren der Reisenden im Sømose südeuropäische Flüchtlinge des 30jährigen Kriegs waren. Als Soldaten angeworben dienten sie in den königlichen Regimenten zur Verteidigung der südlichen Reichsgrenze bei Schleswig Holstein. Sie lebten mit ihren Familien in verschiedenen Garnisonsstädten, wie zum Beispiel Glücksstadt, Rendsburg oder Eckernförde. Während der Friedenszeiten reichte die Teilnahme an Übungen und Manövern zur Pflichterfüllung aus und an den restlichen Tagen verdienten sie sich ihr Geld als umherziehende Gaukler, Musikanten und Scherenschleifer.

Mit der Einführung der für das Königreich günstigeren Wehrpflicht standen zum Ende des 19. Jahrhunderts hin plötzlich mehrere hundert ehemalige Soldaten mit ihren Familien auf den dänischen Straßen. Und ihr Ruf war nicht gerade der beste: »Die Reisenden«, auch »die Deutschen« [dän. cirkustysk] genannt, hatten es nicht leicht, einen Ort zu finden, an dem sie willkommen waren und bleiben durften. Oft wurden sie weitergejagt, weil man heimische Handwerker vor Konkurrenz beschützen wollte. Einer Gruppe jener Reisenden gelang es schließlich, sich in einer kleinen Kolonie nördlich des Limfjordes niederzulassen.

Und genau darum gibt es bei uns im Vendsyssel einen Ort, der den deutschen Namen Dorf hat.

Die Bewohner des Sømose

Um 1900 hatten sich etwa 40 Familien im Gebiet des Sømose bei Dronninglund angesiedelt. Ihre ärmlichen Erdhütten waren ohne Wasser und Licht. Die von den Einheimischen eher gemiedenen Menschen lebten sehr zurückgezogen und schickten ihre Kinder auch nicht in die örtlichen Schulen. Wenn sie nach ihren Sommerreisen zur Überwinterung ins Vendsyssel zurück kehrten, sorgten sie für Aufsehen bei den Nordjütern. Ein Zeitgenosse schildert ihr Ankommen als farbigen Treck im grauen, schweren Novembergrau. Die prächtige, bunte Kleidung, das fröhliche Geplapper und die reichlich geschmückten Frauen sorgten für Abneigung und Missgunst beim biederen Bauernvolk.

Immer wenn die Nachfahren der Reisenden heute nach Nordjütland kommen, besuchen sie die Reste der Hütten ihrer Urgroßeltern. Über ihre Ankunft im Vendsyssel freuen sich die Menschen heute sehr – handelt es sich nämlich um die großen Zirkusfamilien Enoch, Mundelig, Hertzberg und Benneweis.

Man kann also sagen, dass die Wurzeln der bekanntesten Zirkusdynastien Dänemarks in einem Sumpfgebiet im Vendsyssel liegen.

Dronninglund Sømosen
Dronninglund Storskov – Sømosen

2. Klokkerholm Møllesø

Ich gebe zu, den kleinen Ort Klokkerholm kennen wir eigentlich nur deswegen, weil dort unsere Freunde gewohnt haben, bevor sie aus Tristesse den Wunsch nach einem Eigenheim an der Westküste entwickelten. Es gab für uns also keinen Grund, noch einmal hinzufahren und wir hatten es auch nicht vor

– bis wir die Geschichte vom Møllesø erfuhren.

Klokkerholm Møllesø
Klokkerholm Møllesø

Der in der Eiszeit entstandene See wurde von den Menschen lange dazu benutzt, eine Mühle zu betreiben. Am anderen Ende sorgte zusätzlich eine Windmühle dafür, mittels Wind- und Wasserkraft einen wirtschaftlich florierenden Ort zu erschaffen. Archäologische Funde zeigen, dass Klokkerholm unter dem Namen Hellevad zur Wikingerzeit eine bedeutende Handels- und Machtstellung innehatte. Wer hätte das gedacht?

Als die Mühlen im Jahr 1914 schließlich unrentabel geworden waren, stellte man nicht nur deren Betrieb ein, sondern man legte gleich den kompletten See trocken! Beide Mühlen wurden abgerissen, der gewonnene Grund sodann verkauft und trotz Gegenwehr der Dorfbewohner landwirtschaftlich bestellt.

Mehrere Versuche waren nötig, doch 1979 gelang es der Bürgervereinigung mit Hilfe zahlreicher Freiwilligen, das Gebiet zu renaturieren und die ursprüngliche Seenlandschaft wieder zu beleben. Heute steht der Møllesø unter Schutz und ist zu einem attraktiven Erholungsgebiet geworden. Man kann sich Angelkarten in den lokalen Geschäften kaufen, in Sheltern übernachten und Grillplätze benutzen. Brennholz und Toiletten sind vorhanden.

Klokkerholm Møllesø
Der renaturierte Møllesø

Der Planetenweg

Im Rahmen des 100jährigen Bestehens der Bürgervereinigung errichtete man um den See herum einen maßstabsgetreuen Planetenweg. Auf dem 2,5 Kilometer langen Wanderweg kann man seit 2018 ein Gespür dafür entwickeln, wie weit die Planten im All voneinander entfernt liegen. Zu jedem Planeten gibt es eine Informationstafel, teilweise mit auch eher weniger bekannten Fakten. Ein QR Code zu einer deutschen Seite liegt jeweils vor. Der Weg ist leider nicht für Rollstuhlfahrer geeignet und ich empfehle gerade im Herbst festes Schuhwerk.

Planetsti Klokkerholm Møllesø
Planetsti mit Infomationstafel

Der Planetsti beginnt an der Kirche am sogenannten Planetplads und ist deutlich erkennbar in Richtung See ausgeschildert. Dort werden die Größenverhältnisse von der gelb gepflasterten Sonne zu den jeweiligen Himmelskörpern Planten so visualisiert, dass 1 cm 1640 Kilometern im All entsprechen.

Planetplads Klokkerholm
Planetplads vor der Hellevad Kirche

Die weiß gekalkte Hellvad Kirche liegt direkt am 👉 Ochsenweg, einer historisch bedeutsamen Hauptverkehrsader und Handelsstrecke durch ganz Jütland. Ihren Namen hat sie nach der Helligvad / Heiligen Furt über den Bach im Norden des Dorfes und wurde bereits im 12. Jahrhundert errichtet. Damals war es üblich, an wichtigen Handelsknotenpunkten auch Gottesanbetung zu ermöglichen. Rechts neben der Vorhalle der Kirche befindet sich ein großer Grabstein, dessen Ursprung man in die Zeit der Kreuzzüge datiert. Wer auch immer jener Tyge war, an den dieser Stein erinnern soll und der am 5. April gestorben ist, er muss bedeutsam gewesen sein.

Hellvad Kirke in Klokkerholm
Hellvad Kirke in Klokkerholm

3. Spuren in der Landschaft

In und um Klokkerholm kann man nicht nur (gedacht) ins Weltall oder ins 12. Jahrhundert reisen, sondern noch viel weiter zurück in der Geschichte der Menschen in Nordjütland.

Obwohl der Ort erst seit etwa hundert Jahren Klokkerholm heißt, gibt es ihn schon weit länger. In den Hügeln um das Dorf herum finden sich Zeugen der früheren Besiedlung: Grabhügel. Sie sind kulturhistorisch bedeutsam, in das Projekt „Spor i Landskabet“ aufgenommen und geschützt.

Spor i Landskabet [👉 hier geht es zur Webseite] möchte verschiedene Zeitzeugen in ganz Dänemark für seine Besucher zugänglich machen und gleichzeitig für die Nachwelt bewahren.

Um Klokkerholm findet man mehrere Grabhügel aus verschiedenen Zeitaltern von 50000 v. Chr. bis 1050 n. Chr, also vom gesamten Altertum bis einschließlich der Wikingerzeit! Der sogenannte Grabhügelweg ist insgesamt 4,4 Kilometer lang und führt an mehreren Gräbern vorbei.

Kvindbjerghøje Klokkerholm
Kvindbjerghøje Klokkerholm

Bei Kvindbjerg trifft man auf acht Grabhügel, die vermutlich aus der Bronzezeit sind. Einer dieser Hügel begrub im 19. Jahrhundert nach Schätzen grabende Dorfbewohner unter sich.

In Dänemark gibt es übrigens mehr als 70.000 derartiger Hügel, die alle weder verändert noch bewirtschaftet werden dürfen. Oft ragen sie als bewachsene Haufen aus riesigen Feldern heraus. Und wenn sie schon nicht beackert werden dürfen, so nutzt man zumindest den Zuweg zu ihnen intensiv. Denn wie man im Herbst zum Stentinget wandern soll, von dem aus man eine herrliche Aussicht über das Jyske Ås hat, habe ich leider nicht herausgefunden. Laut der Ausschilderung sollte genau hier ein Weg zum Byrhøj führen:

Stentinget mit Grabhügel Byrhøj
Stentinget mit dem Grabhügel Byrhøj

Am Stentinget trafen zur Wikingerzeit alle Wege durch das Vendsyssel zusammen. Heute liegt das einstige Macht-, Handels- und Wirtschaftszentrum fast unscheinbar inmitten endloser Ackerlandschaften.

Ich werde also im Winter wiederkommen, wenn der Acker gefroren ist.

Herzlichst,

Bildquelle: Bild von OpenClipart-Vectors auf Pixabay


 

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5 Kommentare

  • Antworten
    A.Heise
    17. Oktober 2019 at 22:00

    Ich bin immer wieder begeistert von euren vielseitigen Blog.Als treue Lönstrup Urlauberin liebe ich besonders eure Berichte zur Jammerbugt und dem Leuchturm.Und natürlich bin gespannt ob der Unzug wie geplant klappt.

    • Antworten
      Meermond
      18. Oktober 2019 at 23:54

      Danke dir für deinen netten Kommentar. Wir freuen uns, wenn man merken kann, dass wir viel Liebe in unseren Blog packen. Und wie der Umzug des Leuchtturms laufen wird, erfährst du spätestens hier ☺

  • Antworten
    Stella, oh, Stella
    2. Oktober 2019 at 21:36

    Spannend, spannend …

  • Antworten
    Stella, oh, Stella
    1. Oktober 2019 at 21:09

    Das war ja mal wieder interessant! Helge Engelbrecht hat ein Lied geschrieben, das „de rejsende“ heisst, de gådefulde folk, der tager af sted. Und ich dachte, er meinte Zigeuner, also Sinti oder Romani.

    Den Møllesø werden wir uns auch mal anschauen!

    • Antworten
      Meermond
      2. Oktober 2019 at 20:53

      Ja, das ist eine interessante Ecke, wir hätten es selbst nicht vermutet. Wir wollen uns jedenfalls im Winter die Reste der Häuser ansehen. Aber erst muss der Boden wieder fest werden 🤗